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SPIEGEL ONLINE - 26. März 2004, 17:15
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Polen
Das Ende der
Versöhnungsroutine
Von Jan Puhl
Zähneknirschend hat Polen beim
EU-Gipfel in Brüssel seinen Widerstand gegen die neue europäische Verfassung
aufgegeben. Und prompt wird sie wieder beschworen, die deutsch-polnische
Freundschaft. Die existiert freilich vor allem in Sonntagsreden. In Wirklichkeit
herrscht zwischen Berlin und Warschau ein Klima des Misstrauens.
Die
Besuche deutscher Politiker verlaufen immer nach dem gleichen Muster: Treffen
mit Spitzenpolitikern, artige Reden, dann Besuch einer der zahlreichen Gedenkstätten,
ernste Mienen, Bankett, Handschlag und Abflug. Als Kanzler Gerhard Schröder und
der polnische Premier Leszek Miller diese Woche zu einem Arbeitsessen
zusammentrafen, war die Atmosphäre freundlich, fast kumpelhaft.
Die beiden Sozialdemokraten kennen sich lange von Gipfeltreffen und
Regierungskonferenzen, da klopft schon mal einer dem anderen kollegial die Hand
auf Schulter, gibt ein Witzchen zum Besten. Im Osten nichts Neues, Deutsche und
Polen sind gute Nachbarn geworden, könnte man meinen.
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Warten auf Europas Tag X |
Doch
sollte die Erleichterung darüber, dass Miller dem Kanzler jetzt
Kompromissbereitschaft in der EU-Verfassungsfrage signalisierte, nicht drüber
hinwegtäuschen, dass das vergangene Jahr die Beziehungen zwischen Warschau und
Berlin auf eine harte Probe gestellt hat: Einen Monat vor dem Beitritt des
osteuropäischen Landes zur EU ist das polnische Verhältnis zu seinem westlichen
Nachbarn anspannt wie nie, seit die Polen sich vor 15 Jahren von der Herrschaft
der Kommunisten befreiten.
Dabei war Berlin seit der Wende der wichtigste Verbündete Warschaus auf dem Weg
in die EU. "Der Zustand der deutsch-polnischen Beziehungen ist schlechter,
als offiziell erklärt wird", warnt der polnische Deutschland-Experte
Janusz Reiter.
Versöhnungskitsch
Dabei
hatte alles so idyllisch begonnen, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks:
Nachdem sich die Regierung Kohl durchgerungen hatte, die Oder-Neiße Grenze
anzuerkennen, setzte ein goldenes Zeitalter der Versöhnung ein. Mehr als 400
Städtepartnerschaften entstanden, Bürgermeister trafen sich, Zoll und Polizei
lernten zusammenzuarbeiten.
In Stettin entstand ein gemeinsames Korps aus polnischen, dänischen und
Bundeswehrsoldaten. Polnische Historiker wie Wlodzimierz Borodziej
wagten sich an alte Tabu-Themen heran, arbeiteten die Vertreibungen auf und
berücksichtigten dabei auch die polnischen Taten.
So viel Harmonie war selten in den 1000 Jahren deutsch-polnischer Nachbarschaft
- und das machte so manchen misstrauisch. Von "Versöhnungskitsch" war
in Kommentaren zu lesen. Die Skeptiker sollten recht behalten: Bereits im
vergangenen Jahr brach die Idylle zusammen.
"Wir steigen in eine neue Liga auf"
Erst
unterzeichnete Polens Premier Miller die so genannte "Erklärung der
Acht", eine Solidaritätsadresse europäischer Länder an George W. Bush, der
für einen Krieg gegen den Irak warb. Selbst polnische Kommentatoren,
normalerweise stramm auf der Seite des Vaterlandes, kritisierten damals, dass
Miller sich zuvor nicht mit seinen Partnern im "Weimarer Dreieck"
abgestimmt hatte, einer informellen Runde mit den Mitgliedern Polen,
Deutschland und Frankreich.
Empörter noch reagierte Deutschland, als Polen dann - wieder ohne Vorwarnung -
eine Besatzungszone im Irak übernahm und dann auch noch diplomatisch sehr
ungeschickt versuchte, die Deutschen mit ins Boot zu holen.
"Söldnermentalität", "Größenwahn" unterstellten deutsche
Medien den Nachbarn. "Wir steigen in eine neue Liga auf", in diesem
Tenor kommentierten die Polen. Frankreich und Deutschland wollten Polen und
seinen traditionell engen Verbündeten USA auseinander dividieren, lauteten die
Befürchtungen an der Weichsel. Über die Irak-Frage spaltete sich Europa - so
das Diktum des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld
- in neu und alt.
Immerhin, erstmals bekamen sich Polen und Deutsche über die Gegenwart in die
Haare, und nicht wie sonst über die Interpretation der Vergangenheit, zunächst
zumindest. Doch im heißen Sommer 2003 kochten auch die alten Konflikte wieder
hoch.
Auf
die Forderung der Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach, ein Zentrum gegen
Vertreibungen in Berlin zu errichten, antwortete die polnische Zeitung "Wprost" mit einer Fotomontage: Steinbach in SS-Uniform
als Nazi-Domina auf dem Rücken des deutschen
Kanzlers. Abgesehen von dieser Geschmacklosigkeit reagierten aber auch
angesehene Politiker wie Wladyslaw Bartoszewski, der
ehemalige Auschwitz-Häftling, Historiker und Außenminister a. D. den
Steinbach-Vorstoß empört ab. Aus dem fernen Warschau gesehen, wurde ein solches
Zentrum praktisch in Sichtweite des Holocaust-Denkmales entstehen. Für sie eine
unerträglicher Relativierung deutscher Schuld.
Die Vergangenheit kehrt zurück
Noch weit mehr Verspannungen zwischen Oder und Bug lösten die Aktivitäten der
"Preußischen Treuhand" aus. Die Organisation will nach dem ersten Mai
vor europäischen Gerichten gegen Polen klagen - auf Rückgabe von Besitz
Vertriebener. Zwar ist das Ansinnen juristische wahrscheinlich aussichtslos,
doch der politische Flurschaden war da.
Als Gegenforderung ließ der populistische Warschauer Bürgermeister Lech
Kaczynski schon mal ausrechnen, was die Wehrmacht 1944 an Schäden angerichtet
hatte, als sie seine Stadt dem Erdboden gleichgemacht hatte. Ergebnis: 33
Milliarden Euro schulde die Bundesrepublik allein Warschau.
Auch das ist eine
populistische Forderung ohne jegliche Chance, sie wirklich einmal einklagen zu
können. Wichtiger aber ist: Die Deutschen werden an der Weichsel wieder als
Gegner, als Bedrohung wahrgenommen. Und auf deutscher Seite überwiegen die
Ängste vor billigen polnischen Arbeitskräften, die nach dem ersten Mai hier Jobs
zu Niedriglöhnen erledigen. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes
Polis zufolge, bejaht nur knapp die Hälfte der Deutschen einen Beitritt Polens
zur EU.
Von einer wirklichen Aussöhnung zwischen der Bevölkerung diesseits und jenseits
von Neiße und Oder kann deshalb kaum die Rede sein. Auch die Politiker
vertrauen sich weit weniger, als sie es in ihren Sonntagsreden vorgeben.
Daran so glauben Kenner der Beziehungen, wie der Warschauer Wissenschaftler Mateusz Falkowski, ist
ausgerechnet der Erfolg der Zusammenarbeit beider Länder schuld. Es war nämlich
vor allem die deutsche Unterstützung, die Polen den Weg in die EU geebnet hat.
Jahrelang hatte Berlin den Beitritt als Wiedergutmachung historischer Schuld
betrieben - und natürlich auch, weil Polen mit seinen fast 40 Millionen
Einwohnern ein lukrativer Absatzmarkt ist.
Doch nun ist das Jahrhundertziel erreicht. Polen tritt bei. "Die
Interessengemeinschaft Deutschen und Polen ist kleiner geworden", warnt Falkowski. Jahrelang hatte die Polen außenpolitische
Partner allein daran gemessen, ob sie für oder gegen den EU-Beitritt ihres
Landes seien. Dabei hatten die Deutschen stets gut abgeschnitten.
Doch heute überwiegt die Angst vor Konkurrenz. Die siebenjährige Übergangsfrist
für die Einwanderung polnischer Arbeiter, die Gerhard Schröder durchgesetzt
hatte, schmerzt viele. Die Polen fühlten sich zurückgesetzt, als EU-Bürger
zweiter Klasse behandelt, erklärt Falkowski.
Fremde Nachbarn
Gleichzeitig hat die Bewunderung der Polen für die westlichen Nachbarn deutlich
nachgelassen. Mitte der neunziger Jahre waren sie als fleißig, effektiv und
wirtschaftlich unendlich stark wahrgenommen worden, heute gelten sie eher als
reformlahm, schwerfällig und selbstgerecht.
Die nervöse Verspannung zwischen Berlin und Warschau hat aber noch tiefer
liegende Gründe. Kranzniederlegung, Gedenkstätten-Besuche, die
Versöhnungsgesten bei Politikertreffen seien schnell zum Routine-Ritual
verkommen, langweilige political correctness
habe die Kontakte geprägt, kritisiert der Schriftsteller Andrzej Stasiuk: "Mich nervt diese Glattheit."
Diese immer wiederkehrenden Zeremonien, die endlos wiederholten
Versöhnungsreden, hätten Konflikte bemäntelt. Eine Streitkultur, wie sie zu
jeder guten Partnerschaft gehört, blieb unterentwickelt. "Das Verhältnis
steht auf dem Kopf", hatte Janusz Reiter schon vor Jahren gewarnt. Es
verstehen sich nur wenige Deutsche und Polen, am ehesten noch Politiker oder
Kulturschaffende, die Mehrheit der Menschen in beiden Ländern ist sich völlig
fremd geblieben.
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